Erich gegen Erich - warum?

„Chrrr … chrrr … chrrr …“ leise schnarchte Erich vor sich hin. Die Augen geschlossen, das schweinchenrosa Doppel­kinn auf die weiße Arbeitsmantel-Brust gestützt, die Hände über dem mächtigen Bauch gefaltet und fallsicher einge­­quetscht in einen hellbraunen, hölzernen Armleh­nsessel. So zelebrierte Erich K. heute wieder mal seinen Büroschlaf.

Erich K. war Mitte 50, brachte rund 100 Kilo auf die Waage, hatte große, hellgraue, glasige Augen, trug seine wenigen weißen, glatten Haare kurz geschnitten und linksseitig gescheitelt, war streng katholisch erzogen und bekam leicht einen roten Kopf. Seit dem tragischen Tod seiner „Rosl“ vor vielen Jahren, mit der er neun Jahre lang verlobt war, lebte er bei seiner, nun schon recht betagten Mutter.

Es war nicht so, dass Erich K. nach dem Verlust seiner geliebten Rosl keine anderen Frauen mehr nach Hause gebracht hätte. Doch ließ die Mutter all sein Bemühen um eine neue Partnerin immer wieder auf subtile Weise scheitern: Sie lobte die Vorzüge seiner diversen, neuen Eroberungen, doch beendete ihr Lob stets mit den Worten: „aber die Rosl is‘s net.“

Erich K. war einer der beiden, sich im Turnusdienst mit mir abwechselnden, Direktor-Stellvertreter jenes staatlichen Busunternehmens, das meine erste berufliche Heimat war. Der zweite (damals 21) war ich. Es war für mich okay, dass Erich K. nur halb so viel arbeitete wie ich, dafür aber dreimal so viel verdiente. In einer Beamtenlaufbahn ist das nun mal so. Hin und wieder gab es aber Phasen, wo er nur mehr herum­meckerte und die Arbeit einfach liegen ließ: „Ich bin nicht dazu­gekommen“ war dann sein tägliches Mantra, das mich mit der Zeit immer mehr auf die Palme brachte.

Also ging ich zum Direktor, der ebenfalls Erich hieß. Erich M. war fast gleich alt und gleich groß wie Erich K., aber schlank, drahtig und immer voller Energie. Er hatte einen hypnotischen Blick, eine Hakennase und einen blanken Eierkopf wie der Meisterdetektiv Nick Knatterton und trug stets seine dunkelblaue Uniform mit den knallroten, goldumrandeten Spiegeln mit je drei goldenen Sternen am Kragen und goldenen Knöpfen auf Brust und Ärmeln.

Als er mich im Sommer 1962 in sein Reich holte und mich damit gleichzeitig aus einem ungeliebten Job befreite, spürte ich sofort eine starke Resonanz mit ihm. So ergab es sich fast wie von selbst, dass Erich M. mein erster und wichtigster Mentor wurde.

Es war damals (1964) total unüblich, sich gleich mit jedem zu duzen, und schon gar nicht mit dem Chef. Er aber erlaubte sich fast bei jedem im Amt eine Art väterliches Du: „Aha!“ sagte er nur, nachdem er sich meine Beschwerde angehört hatte. „Dann hat er wieder mal seine Tage. Daran wirst du dich gewöhnen müssen. Ich rede mit ihm.“

Als Erich K. mich dann pünktlich um 12.30 Uhr ablöste, plagte mich ein wenig das Gewissen. Dementsprechend wortkarg und schnell war meine Übergabe. Draußen im lichtdurch­fluteten, etwas tiefer liegenden Schalter­raum, den ich über eine fünfstufige, dunkelbraune Holz­treppe erreicht hatte, plauderte ich noch ein wenig mit den zwei Schalterbeamtinnen, als es im großen Chefzimmer eine halbe Etage höher plötzlich sehr laut wurde.

Deutlich war durch die vier Milchglasfenster der weiß gestrichenen Tür des Chefbüros bis in die Schalterhalle hinaus zu hören, wie Erich M. seinem Namensvetter die Leviten las.

Kurz danach wurde die Tür zum Chefbüro aufgerissen, Erich K. lief mit hochrotem Kopf, geschwellter Brust und über das ganze Gesicht grinsend heraus, setzte sich an seinen Schreibtisch und machte sich an die Arbeit. Als ich meine Kolleginnen darauf ansprach, erklärten sie mir, dass das nicht zum ersten Mal gewesen sei und sich alle drei, vier Monate wiederholen würde.

Weil ich mich schon immer dafür interessierte, wie das Leben funktioniert, wollte ich dem kuriosen Geschehen auf den Grund gehen. Denn kurz vor seinem Anschiss war Erich K. ja geradezu unausstehlich gewesen, kurz danach aber wie ausgewechselt produktiv und liebenswert! Offenbar brauch­te er diese Bestrafung. Aber warum?

Schuld- und Sühne im Büro

Was ist die Ursache für dieses seltsame Ver­halten? Wo ist da der Nutzen? Ich fragte meine beiden Freunde Gerd und Friedl, mit denen ich schon viele heiße philosophische Diskussionen hatte. Doch auch sie wussten keine befriedigende Antwort auf meine Fragen. 

Also dachte ich daran, Psychologie zu studieren. Doch Friedl, der selber studierte, klärte mich auf, dass die alten Professoren nicht einmal noch bei Sigmund Freud angelangt wären. Also kaufte ich mir ein Buch über die Grundlagen der Psychologie – einen richtig dicken Wälzer – grub mich tief hinein und wurde nach ein paar hundert Seiten tatsächlich fündig.  

Ich entdeckte, dass verbotenes oder unerwünschtes Verhal­ten und Bestrafung bei den meisten Menschen zusammen­gehören - wie Tag und Nacht, Ebbe und Flut oder Henne und Ei. Wenn die Strafe aber ausbleibt, dann staut sich tief in ihrem Inneren etwas auf, das sich früher oder später in Form einer Selbstbestrafung, der Sühne, entlädt.

Diese Bestrafungen können unglaublich kreativ sein, werden aber meist als Zufall abgetan. Doch alles, was auf der Welt geschieht, beruht auf universellen Gesetzen. Es gibt keinen Zufall! Es sei denn, wir definieren „Zufall“ als ein Ereignis, das uns gesetzmäßig „zu-fällt“. 

Das kann eine Kleinigkeit sein wie ein Strafzettel hinter dem Scheibenwischer Ihres Autos. Das können aber auch ein Unfall, eine Erkrankung, der Verlust von Geld, des Jobs oder des Partners sein. Und geht es im Leben eines Menschen ständig auf und ab, dann ist es so gut wie sicher, dass es sich dabei um wiederholte Selbstbestrafungen handelt. 

In berauschender Sprache und ergreifenden Bildern erzählt der größte Kriminalroman aller Zeiten („Schuld und Sühne“) die atemberaubende Geschichte des Studenten Raskol­ni­kow, der in fortschrittsgläubiger Verblendung einen Dop­­pel­mord begeht - und daran zerbricht. Er sehnt sich fortan nach Strafe, um seine Untat zu sühnen, doch wahrhafte Rettung verspricht ihm allein seine Liebe zu der Prostituierten Sonja.

In Anlehnung an diesen weltberühmten Roman von Fjodor M. Dostojewski nannte ich die meist zwingende Abfolge von „Missetat“ und Bestrafung „Schuld- und Sühneprogramm.“ In weiterer Folge fand ich dann immer mehr Erleb­nisse und Geschichten, wo dieses Programm unbewusst etabliert wur­de und viel später aus heiterem Himmel zugeschlagen hatte.

Ich habe miterlebt, wie eine Frau um die 60 deshalb so lange von Arzt zu Arzt ging, bis endlich einer bei ihr die (falsche) Diagnose Brustkrebs stellte und sie dann nach mehreren Chemos und Bestrahlungen elendiglich zugrunde ging.

Ich habe miterlebt, wie sich ein Freund aus meiner Kindheit, der schon als kleiner Bub ständig bestraft wurde, sich als etwa 50-jähriger Familienvater das Leben nahm. Ich habe miter­lebt, wie sich eine blitzgescheite Frau trotz meiner ein­dring­lichen Warnung eine Hungerkur verpasste, die ihr eine Lähmung einbrachte und schließlich den Tod.

Ich habe aber auch miterlebt, wie eine etwa 50-jährige, krebs­kranke, von der Schulmedizin aufgegebene, Frau wie­der vollkommen gesund wurde. Ich habe miterlebt, wie sich eine junge Frau aus ihrem Sühneprogramm befreien konnte und von da an keinerlei Verluste mehr hatte.

Und ich habe mehrfach miterlebt, wie kleine Kinder auf­blühen und schon früh Verantwortung übernehmen, wenn sie ohne jegliche Angst vor Strafe aufwachsen und mich im­mer wieder von neuem gefreut, dass das Schuld- und Sühne­programm für sie nie ein Thema sein wird.

Mein neues Buch veranschaulicht anhand von Geschichten aus dem Leben sowie aus bekannten Büchern und Filmen, wie dieses Programm entsteht und was es alles an­richten kann. Es verrät das Geheimnis, wie du dein eigenes, mehr oder weniger ausgeprägtes Schuld- und Sühneprogramm deaktivieren und damit unschädlich machen kannst.    

Und es zeigt, wie du bei deinen Kindern und Enkelkindern verhindern kannst, dass das Programm überhaupt entsteht – ein unbe­zahl­bares Geschenk fürs ganze Leben. Mit Herz und Ver­stand angewendet ist mein neues Buch ein Schatz!

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