Franzi, Dobby und die Strafe

Es war an einem flirrend heißen August-Tag im Sommer 1950, als die Hitze meinen ländlichen Freund Franzi und mich in eine Dorfkirche im Wienerwald verschlug, in der gerade eine Seelenmesse für einen Ver­storbenen zu Ende ging. Im dunklen, nach Weihrauch duftenden Inneren des Kirchen­schiffes war es angenehm kühl, denn die bunten, Spitzbogenfenster an den Seiten­wänden ließen nur einen kleinen Bruchteil der Sonnen­strahlen durch.

Ein ganz in schwarz gekleideter, hagerer Mann mit knorrigem Gesicht und weißen, in der Mitte gescheitelten Haaren reichte an einer langen Messingstange einen rubin­roten, samtenen Beutel mit einer Glocke durch die Bankreihen, und jeder der Kir­chen­besucher warf ein paar Münzen hinein, einige sogar einen Schein – faszinierend!

Franzi war gerade fünf Jahre alt, hatte ein rundliches, von der Sonne rosig braun gefärbtes Gesicht, graublaue Augen und glatte, weißblonde, links gescheitelte Haare. Ich war sieben und ebenfalls braungebrannt, hatte eine strubbelige, dunkelbraune Mähne und runde Augengläser aus silbernem Metall. Wir trugen beide kurze Leiberln, ebensolche Hosen und Sandalen ohne Socken – und waren verblüfft über die große Spendenbereitschaft der Kirchengänger.   

„Das können wir auch!“ schoss es mir durch den Kopf, und schon hatte ich auch Franzi mit meiner grandiosen Idee angesteckt. Da wir aber weder eine Kirche noch einen roten Samtbeutel hatten, mussten wir uns etwas anderes einfallen lassen, was Eindruck schindet. Das war dann nach reiflicher Überlegung ein gelbes Blatt Papier von der Größe einer Postkarte, auf der die folgenden, sorgfältig mit blauer Farbe gestempelten Blockbuchstaben zu lesen waren:

WIR BITTEN UM EINE SPENDE
VON 20 SCHILLING

Mit diesem Zettel und voller Tatendrang liefen wir dann zum Haus einer alten Frau, von der Franzi wusste, dass sie in der Kirche immer einen Geldschein spendet. Das weiß gekalkte, kleine Haus direkt an der Dorfstraße hatte zwei kleine Fenster mit grün gestrichenen Rahmen und eine ebensolche Haustür mit einer Messingschnalle. Rechts oben von der Tür hing auf einem Haken eine ca. 10 cm hohe Glocke aus Messing oder Bronze mit eine langen Schnur und einem hölzernen Griff.

Beim Haus der alten Frau endlich ange­kom­men, standen wir eine halbe Ewigkeit mit klop­fenden Herzen vor der grünen Tür, bis wir uns endlich trauten, an der Schnur zu ziehen, die die Glocke zum Läuten brachte. „Einen Moment!“ hörten wir eine hohe Stim­me aus dem Inneren des Hauses rufen, und kurz danach öffnete sich auch schon die Tür.

Eine kleine, etwa 70 Jahre alte Frau mit faltigem, blassen Gesicht und weißen, in der Mitte gescheitelten Haaren kam heraus, begrüßte uns freundlich und fragte dann nach unserm Be­gehren. Sie trug ein klein geblümtes Kleid, das ihr fast bis zu den Knöcheln reichte und eine weiße Schürze, die sich leicht im Wind bewegte. Aus der, wegen der drei steinerne Stufen etwas höher liegenden, grünen Haustür strömte kühle Luft heraus, die nach Kaffee, Weihrauch und Mottenkugeln roch.

„Was kann ich für euch tun?“ frage die alte Frau noch einmal. Doch wir kriegten kein Wort heraus, sondern überreichten ihr nur stumm den gelben Zettel mit den kunstvoll darauf gestempelten Buchstaben. „Aha!“ sagte die alte Frau. „Na gerne! Und wofür ist die Spende?“

Schluck! Darauf waren wir nicht vorbereitet! Also drehten wir uns wortlos um und rannten so schnell weg als wir konnten. Denn tief in unserem Inneren wussten wir natürlich genau, das das, was wir da vorhatten, nicht ganz stubenrein war.

„Mei Vota daschlogt mi!“ schrie Franzi schnaufend, nachdem wir schon gut einen Kilometer in vollem Tempo über die glühend heiße Landstraße gelaufen waren – und rannte sofort weiter und weiter, bis ich ihn aus den Augen verlor. Ich hingegen ging seelenruhig zurück zu der „Sommerfrische“, die Franzis Eltern gehörte und in dem meine Eltern und ich gerade Urlaub machten, denn ich wusste ja genau, dass ich nichts zu befürchten hatte.

„Ich hab Mist gebaut.“ sagte ich mit leicht zerknirschter Miene zu meiner Mutter und berichtete ihr von unserem Abenteuer. Sie war Mitte 40, hatte kastanienbraune, schul­ter­lange, gewellte Haare und trug ein rot-schwarz gestreiftes Dirndl mit einer weißen Bluse und weitem Dekolleté und eine himmelblaue Schürze.

Meine erste Spendenaktion

„Und wo ist der Franzi?“ fragte sie besorgt, ohne auch nur mit einem Wort auf meine Geschichte einzu­gehen. „Ich weiß nicht.“ stammelte ich. „Ich glaub, der rennt immer noch.“

Und so war es. Als es dann dunkel wurde und Franzi immer noch nicht zu Hause war, wurde eine große Suchaktion mit Taschen­lampen gestartet, die erst nach einigen bangen Stunden erfolgreich zu Ende ging. Der kleine Franzi war fast sieben Kilometer weit gelaufen und dann erschöpft zusammen­gebrochen. Und das alles nur, weil er so eine panische Angst vor den Schlägen seines Vaters hatte.

Weil die Erleichterung und die Wieder­sehensfreude seines Vaters größer waren als sein Zorn, ging unser kindliches Abenteuer nun auch für meinen kleinen Freund gut aus. Sein weiteres Leben war angesichts seines, schon damals tief verwurzelten Schuld- und Sühneprogramms aber durch eine Selbst­bestrafung nach der anderen gekennzeichnet. Doch das ist eine andere Geschichte, die ich hier nicht erzähle, weil zu intim und tod­traurig ist.

Dobby macht es besser

Wodurch Selbstbestrafungen ausgelöst werden, wird auch im Buch und Film „Harry Potter und die Kammer des Schreckens“ demonstriert. Denn da gibt es einen, an Strafe gewöhnten Hauself namens Dobby mit einer spitzen Nase, großen Glotzaugen, langen, spitzen Ohren und ebensolchen Fingern. Als glühender Verehrer von Harry Potter will er diesen vor den dunklen Machenschaften seiner Herrschaft schützen und bringt ihn dadurch mehrfach in Lebensgefahr.

Weil Dobby, der nur ein schmutziges Tuch als Bekleidung tragen darf, damit aber gleich­zeitig seinen Herrn, den Zauberer Lucius Malfoy verrät, muss er sich immer wieder sofort bestrafen – indem er z.B. mit seiner Stirn an einen Kasten donnert oder sich mit einer Tischlampe auf den Kopf drischt und dabei „Böser Dobby! Böser Dobby!“ schreit.

Denn nur so kann der Hauself sein seelisches Gleichgewicht sofort nach jedem Verrat (oder einem anderen Vergehen) wiederherstellen. Da er sich nach jeder, auch noch so kleinen Missetat sofort selbst bestraft, kommt es zu keinem Stau an Schuldgefühlen, der in weiterer Folge eine viel schwerere Strafe auslösen könnte. Keine besonders gute Lösung des Problems, aber eine Lösung.

Eine andere „Lösung“ ist unser Rechtssystem. Denn wenn jemand bei ROT über die Straße fährt (und sich dabei erwischen lässt), wird er bestraft. Das gleiche gilt für jede andere Missachtung eines Gebots oder Verbots – von der Wiege bis zur Bahre. So machen wir das seit tausenden Jahren, doch kaum jemand fragt sich, ob es nicht vielleicht etwas Besseres gibt.

Ein gutes Beispiel für diesen tief sitzen­den, kollektiven Glaubenssatz ist ein Sager des Kung Fu Meisters Shifu gegen Ende des Films „Kung Fu Panda“, als er im Kampf mit seinem ehemaligen Schüler Tay Lung seinen Tod in Kauf nimmt: „Dann hab ich endlich für meinen Fehler bezahlt!

Die meisten Menschen glauben immer noch, dass Bestrafen die einzige Möglichkeit ist, Abweichungen von vereinbarten oder diktier­ten Verhaltensregeln zu bereinigen. In Wahr­heit ist unser Rechtssystem aber nur eine logische Folge eines Weltbildes, dass es einen rächenden, strafenden Gott gibt, in dessen Vertretung wir handeln „müssen“, weil er ja nicht alles selber machen kann. Strafen ist kultivierte Rache.

Dieses Weltbild ist jedoch in mehrfacher Hinsicht überholt. Denn erstens könnten wir ja auch annehmen, dass dieser Gott ohnehin spätestens am Tag des Gerichts den Ausgleich schafft. So gesehen ist der Drang, immer gleich selbst den Richter spielen zu müssen, sogar eine Anmaßung göttlicher Kompetenz.

Zweitens geht es dem Opfer, wenn der Täter bestraft wird, um nichts besser. Und drittens gibt es eine Reihe besserer Möglich­keiten, die Harmonie in einer Gemeinschaft wieder­herzustellen.

Eine dieser Möglichkeiten ist die Verpflich­tung zur Wiedergutmachung oder stellvertretend dafür zu einer Arbeit, die der verletzten Gemeinschaft nützt und für den Täter zugleich eine Art Therapie sein kann. Eine zweite ist das Urvertrauen, dass keiner sein Glück auf dem Unglück anderer aufbauen kann. Denn früher oder später erntet jeder, was er gesät hat (Karma). Wir brauchen dafür nur ein wenig Geduld. Quelle: "Der SCHULD und SÜHNE UNFUG ... und wie wir ihn beenden"

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