Dann hau ich Ihnen auch auf die Finger

Es war an einem feuchtkalten Dezembertag im Jahr 1949 in Wien Fünfhaus am Reithofferplatz Nummer 14, als ich (der kleine, sechsjährige Karli) leicht durchgefroren kurz vor zwölf zu Fuß von meiner Volksschule nach Hause kam.

Meine Mutter, mein Vater und ich wohnten zu dieser Zeit, vier Jahre nach dem zweiten Weltkrieg, in einer 40 m² großen Hausbesorger-Wohnung im Parterre mit Wasser und Klo am Gang.

Meine Mutter, ein etwa 165 cm große, stämmige Frau Mitte Vierzig, hatte zwei Weltkriege überlebt und allerhand durchgemacht, sodass sie nichts so leicht erschüttern konnte. Sie war die Seele des Geschäfts meines Vaters und sorgte als Hausmeisterin zusätzlich für die Ordnung und Sauberkeit des Zinshauses, in dem wir lebten. 

Als ich die Küche betrat, die gleichzeitig unser Esszimmer war, und mir die, von meiner Mutter gestrickten, bunten Fäustlinge auszog, fragte sie gleich: „Wieso hast du so rote Finger?“ und nach einer kurzen Pause „Und wieso sind die so geschwollen?“ Ich druckste zunächst herum und wollte nichts sagen, aber sie gab keine Ruhe, bis ich ihr schließlich in allen Details schilderte, was vorgefallen war.

Es war gegen Ende der letzten Stunde, als unsere Lehrerin sich wieder mal vorne an der Tafel damit abmühte, uns die ersten Buchstaben beizubringen. Sie war etwa 50 Jahre alt, trug ihre schwarzbraunen Haare als Knödel am Hinterkopf, hatte ein Gebiss wie ein Pferd, sowie stark hervor quellenden Augen, mit denen sie uns durch ihre runden, silbern umrandeten Gläser anschaute.

Mir war längst die Aufmerksamkeit weggerutscht, und so blödelte ich lieber mit meiner neuen kleinen Freundin Elfi herum, die neben mir auf der Schulbank saß. Elfi hatte ein Madonnengesicht mit großen, weit offenen, schwarzbraunen Augen, schwarze Augenbrauen und zwei lange, dicke, pech­schwarze Zöpfe.

Weil das heimliche Flüstern mit Elfi mich hundertmal mehr faszinierte, als das Blablabla der glotzäugigen, alten Frau an der Tafel, war ich total überrascht, als diese mich plötzlich laut aufforderte, aufzustehen und zu ihr raus zu kommen.

Noch leicht grinsend stand ich also auf, zwängte mich aus der, mit einem schmalen Schreibpult verbundenen Holz­bank und ging neben den Bänken in Richtung Tafel. Dann weiter die kleine Treppe hinauf auf das große, schwarze Podium, auf dem die Lehrerin hinter ihrem Schreibtisch thronte.

Als ich das Podium erklommen hatte, stand sie auf und forderte mich mit schroffen Worten auf, meine Hände vorzustrecken, und zwar mit den Handflächen nach unten. Ich dachte, sie wollte kontrollieren, ob meine Fingernägel sauber sind und folgte daher arglos ihrer Anweisung.

Doch sie nahm von ihrem Schreibtisch ein hölzernes Lineal und schlug mir damit, ohne ein Wort zu sagen, auf meine vorgestreckten Finger. Reflexartig zog ich sie sofort zurück.

Doch die Lehrerin bestand darauf, dass ich sie nochmals und nochmals, also dreimal vorstrecken musste.

Volksschule 1. Klasse

Mir schossen die Tränen in die Augen, doch machte ich keinen Mucks, sondern ging schweigend die Stufen hinab und zurück zu meinem Platz neben Elfi, die offenbar mit mir gelitten hatte und ebenfalls Tränen in den Augen hatte.“

Meine Mutter hörte mir die ganze Zeit aufmerksam zu und unterbrach mich kein einziges Mal. Als sie aber hörte, was meine Lehrerin mir angetan hatte, wurde sie zornig: „Zieh dich an!“ rief sie befehlsartig. „Wir gehen zu deiner Lehrerin!“ Gesagt, getan, und schon waren wir im Eilschritt unterwegs zu meiner Volksschule, die nur 500 Meter von unser Wohnung entfernt lag.

In der Schule angekommen, fragte sich meine Mutter so lange durch, bis sie in Erfahrung gebracht hatte, wo sich meine Lehrerin gerade aufhielt: im Konferenzzimmer. Also keuchten wir die steinernen Stufen hinauf in den zweiten Stock, liefen den langen, menschenleeren, mit Hall erfüllten Gang entlang, bis hin zu einer dunkelbraun gestrichenen, schweren Holztür mit der Aufschrift „Konferenzzimmer“.

„Poch, poch, poch“ klopfte meine Mutter kurz an die Tür, machte sie auf und ging mit mir in das Zimmer. Es war ein hoher, länglicher Raum mit einem langen dunkelbraunen Holztisch, an dem beidseitig je sechs dazu passende Sessel standen. Ganz vorne flutete durch zwei hohe Doppelfenster genug Sonnenlicht herein, um das ganze Konferenzzimmer, einschließlich der mit Büchern und anderem vollgestopften Regale an den Seitenwänden zu erhellen.

„Was fällt Ihnen ein?!“ rief meine Lehrerin, als wir beide zur Tür hereinstürmten und erhob sich blitzartig von ihrem Sessel. „Ich habe noch nicht >herein< gesagt!“ Sie war allein in dem großen Raum und sichtlich erschrocken, wusste aber sofort, worum es ging.

„Waren Sie das?!“ fauchte meine Mutter die Lehrerin an und zeigte auf meine roten, geschwollenen Finger. Doch die Lehrerein war starr vor Schreck und murmelte nur ein paar leise Worte, brachte aber keinen zusammenhängenden Satz heraus, sondern fixierte nur immer wieder meine kleinen, roten Finger und das zornige Gesicht meiner Mutter.

„Hören Sie!“ beendete meine Mutter das Gestammel der Lehrerin. „Wenn Sie meinem Karli noch einmal mit einem Lineal auf die Finger hauen, dann komm ich in die Schule und hau Ihnen damit auch auf Ihre Finger! Verstanden?!“

Meine Lehrerin nickte wortlos, wir drehten uns um, gingen aus dem Zimmer, die Stufen hinunter, aus der Schule raus und wieder nach Hause. Und obwohl diese Szene nur drei Minuten gedauerte hatte, hinterließ sie sowohl bei meiner Lehrerin als auch bei mir einen bleibenden Eindruck.

Meine Lehrerin behandelte mich von da an wie ein rohes Ei. Meine Mutter schätzte ich jetzt noch viel mehr, denn ich wusste, ich kann mich auf sie verlassen. Ebenso wusste ich, dass ich mir so einen Angriff nie wieder gefallen lassen würde, was meinen Selbstwert und mein Selbstvertrauen verdoppelte. Auch hatte ich keinen Groll mehr gegen meine Lehrerin, denn sie hatte ja jetzt ihre „Strafe“ be­kommen. Die kleine Elfi schließlich wurde nach diesem Vorfall zu meiner festen Freundin – und das ganze acht Jahre lang!

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