Die magische Lüge und mein Knie

„Schaut heeer!“ schrie mein Turnlehrer tiefer Stimme durch den Schulhof der Handelsakademie am Hamerlingplatz in Wien 8. „Der Nooowak suuuhlt sich da in der Sonne!“ Der Boden des asphaltierten Innenhofes war zur Hälfte mit gelbbraunem, feinen Sand bedeckt und diente uns 14- bis 15-jährigen Burschen an diesem ersten sonnigen Frühlingstag im April 1958 zum Kugelstoßen, Hoch- und Weitspringen.

Ich war damals 14 Jahre jung und mit meinen 145 cm der Kleinste in der Klasse. Meine Klassenkameraden waren alle um 10 bis 20 cm größer und hatten nicht nur mehr Muskeln, sondern auch viel längere Beine.

Ich hatte ständig Angst, dass mir die schwere Eisenkugel auf die Zehen fallen würde, denn mein Kugelstoßen war eher ein Kugelfallen. Und auch beim Springen hatte ich die magersten Ergebnisse. Das war frustrierend. Außerdem war mir in meinem kurzen, weißen Leiberl und der kurzen Turnhose im Schatten des Schulhofs saukalt – also zog es mich nach kurzem Zögern unwiderstehlich in die Sonne.

„Verdammt!“, dachte ich. Es war doch höchstens eine Minute vergangen, seit ich mich von der Schülergruppe, die beim Weitspringen angestellt war, entfernt hatte, um mich in der Sonne ein wenig aufzuwärmen. „Was sage ich jetzt?“

„Ich hab mir das Knie verstaucht.“ stammelte ich schließlich und humpelte demonstrativ ein paar Schritte in Richtung Turnlehrer. Der etwas 40-jährige athletisch gebaute Mann schaute mich erst durch seine dunklen, mit buschigen, schwarzen Augenbrauen überdachten, Augen argwöhnisch an, akzeptierte aber dann meine Entschuldigung, und ich hinkte zurück zu meinem Sonnenplatz.

Als die Turnstunde vorbei war, liefen die Schüler durch die braun gestrichenen, oben verglasten Flügeltüren zu den Umkleide- und Duschräumen, wo es penetrant nach kaltem Schweiß roch. Nach dem Duschen und Anziehen hinkte ich, fest am Geländer der Stiegen angeklammert, vom Keller hinauf in den zweiten Stock, wo sich unser Klassenzimmer befand. „Das muss ich jetzt durchziehen“ dachte ich und spielte auch weiterhin den leidenden Invaliden.


Handelsakademie 1. Klasse

„RRRRRRR! RRRRRRR! RRRRRRR!“ tönte es schrill und laut durch die ganze Schule. Der Unterricht war vorbei. Natürlich musste ich auch jetzt noch weiterhumpeln, denn sonst wäre der Schwindel ja sofort aufgeflogen. Also hinkte ich, das Geländer wieder fest umklammernd, die Stufen hinunter bis zum Ausgang und dann noch weiter, am Hamerlingpark vorbei, bis zur Station der Straßenbahnlinie 5. Mit der fuhr ich dann bis zur Westbahnstraße, wo ich in die Linie 49 umsteigen wollte.

„Jetzt sieht mich bestimmt keiner mehr“ dachte ich, lief leichtfüßig durch den fast leeren, beidseitig mit hellen Holzbänken ausgestatteten, Waggon und sprang erleichtert von der offenen Plattform des eckigen rot-weiß-roten Triebwagens hinunter auf das glatte Granitpflaster.

„Aua!“ entfuhr es mir unkontrolliert. Das tat ja höllisch weh! Beinahe wäre mir das rechte Knie eingeknickt und ich der Länge nach hingefallen, wenn mich nicht ein Erwachsener aufgefangen hätte. Aber wieso? Wieso hatte ich auf einmal wirklich Schmerzen? Ich hatte doch gar nichts, oder doch?

Tatsache war, dass die Schmerzen in meinem rechten Knie nur allmählich nachließen und ich eine ganze Woche lang herum humpelte. Das war gut für meine Glaubwürdigkeit in der Schule und befreite mich ein weiteres Mal vom Turnen. Doch der Preis dafür war mir eindeutig zu hoch. Also beschloss ich, in Zukunft auch in „Notfällen“ wie diesem einfach die Wahrheit zu sagen.

Damals hatte ich natürlich noch keine Ahnung, was da gelaufen war. Doch heute ist mir alles sonnenklar: Ich hatte entgegen meiner Erziehung und meiner Werte, um einer Strafe zu entgehen, meinen Turnlehrer und alle meine Mitschüler belogen und dann stundenlang meine ganze Auf­merksamkeit darauf gerichtet, den vorgetäuschten Zu­stand so real wie nur möglich erscheinen zu lassen.

Damit hatte ich gleich doppelt dafür gesorgt, die dadurch abgewendete Strafe doch noch zu bekommen. Denn durch das stundenlange Spielen des leidenden Verletzten hatte ich eine neue Realität erschaffen. Gleichzeitig war die kritische Masse meines „Schuldenbergs“ wohl schon überschritten, was ihn unweigerlich zum Kippen bringen musste.

Erstellt mit Mozello - dem schnellsten Weg zu Ihrer Website.

 .